Grüne Krankenhäuser: „Ökologisch nachhaltige Konzepte sind nicht mit Energieeffizienz gleichzusetzen“

Frau Dr. Verena Schön, Head of Green+ Hospitals Siemens AG, beschäftigt sich intensiv mit dem „Grüner-werden“ von Kliniken und erklärt, worin die besonderen Herausforderungen der nachhaltigen Wettbewerbsfähigkeit in Krankenhäusern bestehen.

Redaktion: Effizienter, ökologischer, nachhaltiger – all diese Beschreibungen sind mit dem Konzept der „Green Hospitals“ verknüpft. Was bedeutet es, ein Krankenhaus „grüner“ zu gestalten?

Dr. Verena Schön: Seit geraumer Zeit wächst die Bedeutung von ökologischen Lösungen für Krankenhäuser rasant. Allerdings besteht noch viel Handlungsbedarf beim sogenannten „Grüner- werden“. Die Gesellschaft, die Stakeholder-Gruppen, erwarten jedoch vom Management eines Krankenhauses weitaus mehr, als lediglich reine Umweltschutzfaktoren umzusetzen. „Green+“ beschreibt deshalb viele unterschiedliche Lösungen für die Bereiche Gebäude und Energie, Patientenversorgung und Prozessabläufe.

Redaktion: Bei der ökologischen Gestaltung von Krankenhäusern wird häufig alleinig an Verbesserungen der Energie- und Umweltbilanzen gedacht. Wie viel mehr an technischem Know-how steckt dahinter?

Schön: Fakt ist: Krankenhäuser verbrauchen sehr viel Energie, etwa doppelt bis dreimal so viel wie ein normales Bürogebäude. Somit tragen Kliniken maßgeblich zum Gesamtenergieverbrauch in Deutschland bei. Vor dem Hintergrund der Energiewende und der Notwendigkeit, nicht nur durch neue regenerierbare Energien, sondern auch durch Einsparungen die Energiewende in Deutschland und weltweit zu erreichen, rückt das Thema in den Vordergrund.

Nachhaltigkeit umfasst aber mehr als nur den alleinigen „grünen“ Aspekt, das spiegelt der Name unseres Konzepts Green+ Hospitals wider. Das Plus steht für die gesamte Nachhaltigkeit in einer Klinik, d.h. für die gleichberechtigte Betrachtung von Ökologie, Ökonomie und Qualität der medizinischen Versorgung. Energieeffizienz, Vermeidung von Verschmutzungen und Abfall sind wichtige Faktoren, aber ein Krankenhaus muss mehr leisten und die bestmögliche medizinische Versorgung garantieren, um im Wettbewerb bestehen zu können. Die Patienten sollen sich zudem wohlfühlen und wollen mittels moderner Technologien unterhalten werden. Das betrifft natürlich auch die finanzielle Nachhaltigkeit einer Klinik, damit die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems gewährleistet bleibt.

Redaktion: Siemens war bereits in Deutschland an zahlreichen Modellprojekten nachhaltiger Krankenhausgestaltung beteiligt. Welche Erfahrungen haben Sie bei Projekten in China sammeln können?

Schön: Mit unserem Healthcare-Portfolio sind wir seit mehreren Jahrzehnten in China präsent. Dabei stehen bildgebende Verfahren und Laborsysteme, die verstärkt nach Umweltgesichtspunkten ausgerichtet sind, aber stets auch Effizienz- und Qualitätsaspekte unterstreichen, im Vordergrund. Darüber verfügen wir über ein Portfolio für Gebäudetechnik, mit dem wir gezielte Energieeinsparungen ermöglichen. Das beinhaltet z.B. die Gebäudeautomatisierung und -steuerung zur Senkung von Energieverbräuchen. Aus der integrierten Betrachtung von Gebäudetechnik, Medizintechnik, IT und Kommunikationstechnologie entsteht zusammen mit dem klinischen Prozess-Knowhow die gesamte Nachhaltigkeitsstrategie, die dann in einem Implementierungsplan umgesetzt werden kann und schließlich wieder auf die Technologieebene heruntergebrochen wird. Derzeit sind wir dabei, diese Entwicklungen auch in China einzuführen. In Deutschland haben wir für Bestandskrankenhäuser den sogenannten Green+ Check, ein Analysetool, das die Nachhaltigkeit eines Krankenhauses misst, eingeführt. Wir sind gerade dabei, diesen Ansatz auch in China und in weiteren Ländern der Welt zu pilotieren.

Redaktion: Ist das Konzept „Green Hospitals“ ohne Weiteres auf China anwendbar oder bedarf es auch einer speziellen Anpassung?

Schön: Wir müssen die Konzepte und den Green+ Check in China entsprechend anpassen – das geschieht ebenfalls in anderen Ländern. Die chinesische Wirtschaft unterscheidet sich in vielen Aspekten grundlegend vom europäischen Markt. Das betrifft auch das Gesundheitssystem und die Krankenhäuser. Wir haben z.um Beispiel in Deutschland ein Fallpauschalensystem, dass wir in unseren Tools berücksichtigen. Auch die Krankenhausorganisation und die Kultur der Zusammenarbeit zwischen den Fachgruppen in chinesischen Krankenhäusern stellt sich grundlegend anders dar. Das setzt sich auch in den Erwartungen der chinesischen Kunden fort. Das Management von chinesischen Krankenhäusern hat im Allgemeinen sehr hohe Erwartungen an das Thema IT und technische Lösungen. So soll zunehmend technische Intelligenz Einzug in Kliniken erhalten.


Bei aller Anpassung an lokale Gegebenheiten bieten jedoch die internationale Erfahrung und die Verwendung globaler Benchmarks wesentlichen Mehrwert, den Siemens als internationaler Konzern einem Krankenhaus bieten kann – egal ob in China, Deutschland oder anderswo.

Redaktion: Welche Teile der Infrastruktur eines Krankenhauses bedürfen in China und Deutschland nach dem ökologisch-ökonomischen Ansatz besonderer Überholung?

Schön: In Deutschland haben wir bisher 20 Krankenhäuser mit dem Green+ Check analysiert. Wir stellten anhand einer Maßskala fest, wie gut der Faktor Nachhaltigkeit in den Kliniken etabliert ist. Dabei fiel die Bewertung der drei gemessenen Dimensionen Effizienz, Qualität und Umwelt sehr unterschiedlich aus. Zwar zeigte sich, dass Krankenhäuser, die effizient und professionell ihre Prozesse managen und entsprechende Indikatoren vorzuweisen haben, auch bessere Noten für Umweltfreundlichkeit und Qualität erzielten. Trotzdem zeigten die Bewertungen auch deutlich, dass der Faktor „Umwelt“ im Vergleich zu „Qualität“ und „Effizienz“ noch Aufholpotenzial hat und zukünftig stärker beachtet werden sollte. Kliniken nehmen dieses Thema jetzt in ihre Maßnahmenplänen auf. Großer Nachholbedarf besteht vor allem bei energetischen Sanierungen. Daran sind die Themen Modernisierung der Gebäude und das laufende Monitoring von Verbräuchen zur weiteren Ableitung von Verbesserungsmaßnahmen geknüpft. Oftmals fehlen gerade öffentlichen Häusern bei allem Willen die finanziellen Mittel, um die notwendigen Investition in eine Sanierung aus dem laufenden Haushalt zu bestreiten.


In China hat sich die Regierung hinsichtlich der ökologischen Dimension sehr ambitionierte Ziele gesetzt und einen Fünfjahresplan für die Entwicklung von Krankenhausneubauten in China erstellt − und die sollen vor allem „grüner“ werden. Diese Umsetzung wird auch mit einem entsprechenden Standard verbunden. Zukünftig wird es für chinesische Krankenhäuser eine große Herausforderung sein, die ambitionierten ökologischen Ziele umzusetzen.

Redaktion: Handelt es sich bei der Entstehung von Green Hospitals in China und Deutschland vorwiegend um Neubauten oder Krankenhaussanierungen?

Schön: In Deutschland steht beides im Fokus, vor allem aber das Thema Sanierungen von Kliniken. Beide Möglichkeiten sollen immer die neuesten Standards für Nachhaltigkeit und Effizienz umsetzen. China konzentriert sich ebenfalls auf beide Aspekte, allerdings legt die politische Zielrichtung einen besonderen Fokus auf Krankenhausneubauten fest. Das hat einen Vorteil: Es lassen sich in den frühen Phasen der Planung entsprechend grundlegende Weichenstellungen für eine nachhaltige Zukunft des entstehenden Krankenhauses stellen. Die Erfahrung zeigt auch, dass bestimmte Stufen der Zertifizierung einer Klinik, zum Beispiel der LEED Platin-Status, nur möglich sind, wenn alle Maßnahmen in dem jeweiligen Projekt von Beginn an detailliert berücksichtigt werden.

Redaktion: Worin besteht weiterhin die besondere Herausforderung in China „Green Hospitals“ einzurichten?

Schön: Die besondere Herausforderung in China ergibt sich durch die Komplexität der Neubauprojekte. Wir sind auf dem chinesischen Markt schon sehr gut aufgestellt, aber eben nicht in jedem Bereich. Das bauen wir weiter aus. Wir sehen in China jedoch nicht einseitig die Herausforderung – ganz im Gegenteil: das Bewusstsein für Nachhaltigkeit auch im Gesundheitswesen entwickelt sich rasant. In Verbindung mit der Möglichkeit, Innovation politisch durch- und finanziell umzusetzen, ist China als Markt für nachhaltige Krankenhäuser ausgesprochen attraktiv für uns.

Redaktion: Die G-S-HCG macht sich zur Aufgabe, deutsche Medizintechnikfirmen und ihre chinesischen Partner stärker zu vernetzen. Inwieweit war Ihnen dieses Netzwerk bereits hilfreich?

Schön: Sehr interessant für uns war die Veranstaltung der G-S-HCG zum Thema „Green Hospitals“ im vergangenen Jahr. Die gesamte Veranstaltung war sehr gut organisiert und es gab die Möglichkeit, sich rege über aktuelle Themen des deutsch-chinesischen Medizinmarktes und kulturelle Unterschiede auszutauschen. Dank zahlreicher Aktivitäten, die von der G-S-HCG organisiert werden, haben medizintechnische Unternehmen die Möglichkeit, die Perspektive der chinesischen Partner besser zu verstehen und wichtige Informationen zu erhalten.

So gewährte Frau Professor Yu von der Chinese Hospital Association (CHA) während der Veranstaltung interessante Einblicke in die chinesische Perspektive beim Thema Green Hospitals und die Planung in China. Für Siemens war diese Schwerpunktveranstaltung sehr spannend, vor allem, um mit anderen Branchenvertretern diskutieren zu können. Außerdem ergab sich für uns durch die Initiative der G-S-HCG eine Teilnahme an einer Messe für Krankenhausentwicklung in Peking im letzten Jahr. Auch in diesem Jahr war Siemens wieder auf der Messe – diesmal in Chengdu - dabei.

Die G-S-HCG ermöglicht deutschen Healthcare Unternehmen sehr gute Einblicke in den chinesischen Markt und gibt wichtige Impulse, um mit chinesischen Partnern langfristig zusammen zu arbeiten. Dies ist auch besonders für kleine und mittlere Unternehmen von großem Interesse, um vielfältige Informationen zu sammeln und die richtigen Wege in China zu beschreiten. Dies ist ein tolles Angebot an die deutsche Wirtschaft und sollte unbedingt genutzt werden.

©Bild: Dr. Verena Schön, Siemens

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